Pädagogische und didaktische Grundlagen der Projektschule Graz



Pädagogischer Ansatz

Unser Ziel ist die Entfaltung der individuellen Potentiale des Kindes zu bewussten Fähigkeiten um ihm eine selbstbestimmte, eigenständige und glückliche Lebensführung in der Gesellschaft zu ermöglichen. In wertschätzender Haltung und innerhalb eines gesetzten Rahmens, der der Öffnung und Entfaltung des Kindes dienen soll, bestimmt es sein Lernen in Form und Inhalt eigenverantwortlich mit, um selbständiges und unabhängiges Lernen und Arbeiten zu erfahren. Der Bildungsprozess geht über die reine Wissensvermittlung hinaus und legt seinen Fokus, in anerkennender Haltung, auf Neugierde, Begeisterung, eigenständiges und kritisches Denken, Kreativität, Teamfähigkeit und Selbstwirksamkeit. Wir wollen ein Lernort sein, der Kinder begeistert und beflügelt, indem es seine Anlagen durch persönlich bedeutsame Lernerfahrungen entwickelt.

Der Schlüssel zum Lernen ist Begeisterung, die sich durch die Beziehung zum Lerninhalt ergibt. Motivation wird besonders geweckt, wenn Freiraum für die eigenen Interessen und Fragen besteht. Dann ist Lernen sinnvoll, denn die selbst gestellte Aufgabe trägt den Sinn als selbstverständlich in sich. Das Lernen findet im eigenen Rhythmus und interdisziplinär in Form von Projekten statt, wodurch sich die Sinnhaftigkeit des Gelernten erschließt. Auf die Interessen und Bedürfnisse der Kinder wird individuell und in der Gemeinschaft eingegangen. Zum Erarbeiten von Inhalten nützen wir Kleingruppen ebenso wie Jahrgangsstufen, Interessensgruppen und die klassenübergreifende Arbeit. Die Kinder arbeiten eigenverantwortlich, aber nicht alleingelassen. Die Reflexion der eigenen Arbeit betrachtet deren Umwege, Erfolge und Wirkung und erachtet Fehler als unverzichtbaren Teil des Denkens und Lernens. Konflikte werden aufgegriffen und als Lernmöglichkeit gesehen. Wir orientieren uns an der Idee der Selbsttätigkeit reformpädagogischer Ansätze, an der Demokratisierung und Mitbestimmung von Lerninhalten kognitiver, sozialer und gestalterischer Art nach der Pädagogik Celestine Freinets und der individuellen Herangehensweise, die ein offener Unterricht bedingt. Die Ziele des österreichischen Lehrplans dienen uns als Rahmen für unsere Arbeit mit den Kindern.

Die gelebte Beziehungskultur auf Augenhöhe fördert soziale Kompetenzen und ist geprägt von Anerkennung und Gleichwürdigkeit. In organisatorische Aufgaben des schulischen Alltages bringen sich die Kinder entsprechend ihrer Befähigung ein. Wir Lehrerinnen und Lehrer, Pädagoginnen und Pädagogen geben als Führungspersonen und Beziehungspartner*innen Orientierung und ermutigende Unterstützung, stellen Anforderungen und fordern Qualität ein, sind zugewandt und setzen Grenzen. Eine unterstützende Haltung der Eltern fördert das Gelingen von ganzheitlichen Lernerfahrungen. Eltern unterstützen durch Vertrauen, Verständnis und Offenheit, was Rhythmus und Tempo der kindlichen Lern- und Entwicklungsschritte angeht.



Praktische Umsetzung

Die Betreuung beginnt mit der flexiblen Ankunftszeit ab 7:45 Uhr. Die Kinder haben Zeit bis spätestens 8:45 Uhr in der Schule einzutreffen. Während dieser Zeit, der Vormittagspause und nach dem Mittagessen gibt es ungelenkte Freizeitphasen, in denen die Kinder ihre Wünsche und Ideen unter Aufsicht des pädagogischen Teams innerhalb der festgelegten Regeln und Grenzen ausleben können. Dafür stehen den Kindern die Räumlichkeiten der Schule (Werkraum, Ruheraum, Pausenraum und Klassenräume) sowie der Garten zur Verfügung. In der gelenkten Freizeit werden unterschiedliche, von den Pädagog*innen vorbereitete Aktivitäten angeboten, die sowohl kreativer, sozialer oder spielerisch sportlicher Art sein können bzw. es wird spontan auf die aktuellen Bedürfnisse der Gruppe eingegangen. Die gelenkte Freizeit umfasst etwa drei Schulstunden pro Woche und kann sowohl am Vormittag als auch am Nachmittag stattfinden. Im täglichen Morgenkreis wird das Programm für den Tag festgelegt, soziale Themen und Anliegen der Kinder besprochen, Ergebnisse vorgestellt, gewürdigt und evaluiert. In von den Kindern geleiteten PSG-Treffen werden Anliegen und Themen, die die ganze Schule betreffen, besprochen. Bei einer Kinderkonferenz (Kiko), die auf Wunsch der Kinder oder auf Initiative eines Teammitglieds einberufen werden kann, können Wünsche formuliert, Wertschätzung oder Kritik ausgesprochen sowie Vereinbarungen getroffen werden, wie ein Konflikt oder Problem zukünftig vermieden werden kann.

An der Projektschule werden Kinder aller vier Schulstufen in einem Klassenverband gemeinsam unterrichtet. In diesen heterogenen Klassen kann auf das individuelle Lerntempo besonders gut eingegangen werden, was sowohl der Begabtenförderung als auch der Förderung lernschwächerer Kinder optimal entspricht. Motivation wird besonders geweckt, wenn Freiraum für die eigenen Interessen und Fragen besteht. In Lernprojekten können die Kinder über einen längeren Zeitraum eigenen Forscherfragen nachgehen oder mit außerschulischen Experten zusammenarbeiten. Projektlernen ist im Wesen interdisziplinär und ermöglicht den Schülerinnen und Schülern zu begreifen, dass Wissen zu erlangen vernetzt ist. Wir bieten den Kindern Lernmaterialien zu einem bestimmten Thema (Mathematik, Lesen/Schreiben, Forschen, ...) in Form von Lernbüros gesammelt an. Die Kinder entscheiden selbst, mit welchem Thema sie sich an diesem Tag befassen wollen und wie sie versuchen ihre selbstgesteckten Lernziele zu erreichen. Lernprojekte, Kurse zu Themen und Lernbüros können auch klassenübergreifend stattfinden. Dadurch kann eine Mindestgröße für die einzelnen Lernstands- oder interessensgleichen Gruppen erreicht werden und der Raum für soziale Interaktion erweitert sich. Die Leistungsfeststellung und die Würdigung erbrachter Leistungen erfolgt individuell und umfasst die Wertschätzung dessen, was schon gut ist, und die benennt Herausforderungen in den Bereichen wo es noch Lernziele zu erreichen gilt. Der Lernzielkatalog orientiert sich am österreichischen Lehrplan. Er enthält emotionale, kognitive und handwerklich-kreative Lernziele, welche nach Halbjahren geordnet sind. Die Erfüllung wird mit dem Kind gemeinsam beim KEL-Gespräch (Kind – Erziehungsberechtigte – Lehrperson) besprochen und weitere Lernziele werden gemeinsam festgelegt. Der Lernfortschritt und das Befinden in der Schule werden reflektiert, wobei die Selbsteinschätzung des Kindes ein wichtiger Bestandteil ist. Hausübungen im herkömmlichen Sinn, sind bei uns nicht vorgesehen. Doch kann es nach Absprache mit dem Kind bzw. den Eltern Arbeitsaufträge für Zuhause geben.

Der kreative Ausdruck in Form von Theater, Singen und Musizieren, Bewegung, Werken, Malen, Schreiben und Präsentieren hat einen großen Anteil an unserem Tun. Er findet im Lauf des schulischen Alltages oder in Form von längeren Projekten statt. Freitags werden von 13:45 bis 15:15, bzw. 16:00 Uhr die Freitagskurse vom pädagogischen Team und den Eltern angeboten und die Kinder wählen frei zwischen den Kursen die sie besuchen möchten. Um „die Welt da draußen“ kennenzulernen finden Ausflüge zu Museen, Theaterbesuchen oder in die Natur statt. Jedes Jahr im Mai fährt die gesamte Schule für 3 Tage nach Schloss Limberg, um dort intensiv an Projekten zu arbeiten, die Natur zu erleben und im außerschulischen Kontext neue Erfahrungen zu sammeln. Die Eltern sind eingeladen diese Zeit ganz oder teilweise mitzufahren und sich inhaltlich/organisatorisch zu engagieren. Ebenso gibt es Besuche, bei denen Eltern als auch schulexterne Personen, aus allen Bereichen in die Schule kommen und den Kindern von ihrer Tätigkeit oder ihren Erfahrungen erzählen und deren Fragen beantworten.



Rolle und Verantwortung der Eltern

Der gemeinsame Raum des Vertrauens ist für die Kinder mit ihren sensiblen Antennen essentiell, damit sie sich geborgen fühlen und sich für den Prozess des Lernens öffnen. Hier ist es wichtig, dass die Eltern darauf vertrauen, dass das Kind seinen Weg in seinem eigenen Tempo, in seinem eigenen Rhythmus und auf seine eigene Art und Weise geht. Dadurch ist der Lernfortschritt nicht linear und der Vergleich mit Regelschulen oder anderen Kindern nicht zielführend. Im Fall von Verunsicherung ist es wichtig, das Gespräch mit dem Team oder der Schulleitung zu suchen, damit individuell geklärt werden kann, ob ein Problem vorliegt und welche Schritte gegebenenfalls gesetzt werden sollen, um es zu lösen.